Käse, Codes und Körper – Warum wir immerzu klopfen
Shownotes
Wer denkt, über das Klopfen sei schon alles gesagt, der irrt gewaltig! In dieser Folge von "Die Welt der Klänge" entwirren Christian Conradi und Peter Kiefer das Klopfchaos und stellen fest, dass diese alltägliche Handlung weit mehr ist als nur das Anfragen um Einlass. Klopfen ist eine klangliche Kulturpraxis mit vielfältigen Bedeutungs- und Handlungsebenen – von der architektonischen Kommunikation bis zur Politik.
Wir reisen nach Barcelona zu kunstvollen Türklopfern und lüften die Geheimnisse des englischen Butlers und des umstrittenen "No-Knock-Warrant" der US-Polizei. Außerdem hören wir in die Kapuzinergruft in Wien, wo bei Bestattungsritualen an die Kirchentüre geklopft wird. Aber Klopfen steht nicht nur für Kommunikation: Es ist auch ein wichtiges Diagnosemittel. Wir erfahren, wie Baumklopfer feststellen, ob Bäume im Innern stabil sind, wie Experten in Italien Parmesan abklopfen, um die Qualität zu bestimmen, und warum Zahnärzte auf Keramikimplantate klopfen. Auch im Tierreich wird geklopft: Amseln trommeln mit den Füßen, um Regenwürmer zu locken, und Spechte klopfen zur Balz und Revierabgrenzung.
Schließlich beleuchten wir die therapeutische Kraft des Klopfens, wie sie in der modernen Psychologie und im Sprechtraining eingesetzt wird, um Stress und Ängste abzubauen. Und natürlich darf die Musik nicht fehlen, in der klopfende Instrumenten Kompositionen neue Klänge entlocken.
—
Die Welt der Klänge ist ein Podcast von ARS, Art Research Sound, einem künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsprojekt der Hochschule für Musik Mainz an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.
Beteiligte: Peter Kiefer, Christian Conradi, Caroline Lauer, Antonia Pfeiffer, Joshua Weizl, Julia H. Schröder
Musik (Intro/Outro): Artist Name: QAWALA Song Name: Puzzles (Instrumental) License #: 0961324136 Project Type: Podcast
Transkript anzeigen
00:00:03: Hallo Christian.
00:00:04: Hallo Peter, grüß dich.
00:00:18: Ja, und damit herzlich willkommen zum Podcast "Die Welt der Klänge".
00:00:22: Ich bin Christian Conradi, Journalist und Podcastproduzent.
00:00:25: Und ich bin Peter Kiefer, Komponist, Klangkünstler und Klangforscher an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
00:00:32: Und heute in dieser Folge beschäftigen wir uns mit einem - zuhören! - perkussiven Aufprall durch einen Impuls auf eine Oberfläche.
00:00:41: Das ist eine zugegeben sehr analytische Definition für Klopfen.
00:00:47: Die hat mich auch tatsächlich sehr amüsiert, als ich die gelesen habe.
00:00:50: Und gleich zu Beginn will ich auch dazu sagen, wer jetzt denkt, Mensch, klopfen, darüber weiß ich doch schon alles, hört unbedingt bis zum Ende.
00:00:58: Und ich kann euch versprechen, ihr werdet ganz anders auf Klopfgeräusche achten als jemals zuvor in eurem Leben.
00:01:04: Ja, das glaube ich auch, Christian.
00:01:06: Wir haben uns in der Forschungsgruppe ARS, das bedeutet halt Art, Research Sound, hier an der Uni Mainz in den letzten Jahren ausführlich mit den zahlreichen Aspekten des Klopfens beschäftigt.
00:01:16: Und ich kann schon mal vorwegnehmen, es ist eine faszinierende, vielseitige Welt:
00:01:21: voller Erwartungen, dem Spiel von Bekannten und Unbekannten spannenden Begegnungen und Einsichten.
00:01:27: Man kann also jetzt schon mal verraten, es geht um viel mehr als nur das Klopfen an einer Tür, oder?
00:01:33: Ja, wir haben in unserer Forschung verschiedene Klopfpraktiken zusammengetragen und untersuchten, vor allem auch die Zusammenhänge, in denen geklopft wird.
00:01:41: Wir haben das Klopfen als akustischen, philosophischen, medizinischen, musikalischen und literarischen und auch als kommunikativen Gegenstand kennengelernt.
00:01:52: Und uns ist klar geworden, das Phänomen Klopfen hat vielfältige Bedeutung.
00:01:57: Und oft ist Klopfen etwas sehr pragmatisches.
00:02:00: Und in unserem Alltag bei vielen Dingen gegenwärtig.
00:02:03: Ja, und man hört schon, es ist auf jeden Fall sehr breit aufgefächert das Thema Klopfen.
00:02:08: Und wir wollen heute ein bisschen Ordnung in dieses Klopfchaos bringen.
00:02:13: Und dafür haben wir ganz, ganz viele Klangbeispiele mitgebracht.
00:02:16: Und eines will ich gleich mal am Anfang vorstellen, weil ich es wirklich sehr außergewöhnlich finde.
00:02:21: Auch weil ich gar nicht wusste, dass es diese Form des Klopfens überhaupt gibt:
00:02:25: und zwar das Baumklopfen.
00:02:27: Und wir hören hier schon mal rein.
00:02:29: Peter, du hast so einen Baumklopfer sogar getroffen in Aachen.
00:02:34: Ja, da war tatsächlich ein Baum in einem Park, der in der Rinde außen eine ziemlich starke Beschädigung hatte.
00:02:40: Das sah eigentlich so aus, als ob der nicht mehr stabil sei und eigentlich gefällt werden muss.
00:02:44: Aber ein Baumpfleger kam dann und klopfte mit einem Hammer einmal außenrum um die Rinde
00:02:50: und stellte fest, dass diese Beschädigung nicht weiter nach innen geht, der Baum also nicht umsturzgefährdet war.
00:02:56: Das Interessante ist halt, dass ich etwas, was ich nicht durch das Auge feststellen kann, durch das Hören erfahre, eben hier durch Klopfgeräusche.
00:03:07: Und der ist jetzt okay?
00:03:08: Ja, wäre jetzt so die Einordnung.
00:03:11: Obwohl er ja eigentlich nicht so toll aussieht.
00:03:14: Ja, er hat offensichtlich einen Schaden.
00:03:17: Die Fäule in der Mitte ist da.
00:03:19: Die interessante Frage für uns ist, wie ist die Restwandstärke außenrum?
00:03:23: Das jetzt natürlich, weil es keine offene Höhlung ist, auch nochmal schwieriger zu sagen.
00:03:27: Insgesamt wäre der Eindruck jetzt noch okay.
00:03:30: Und wenn jetzt der Baum schlecht wäre, hört man das dumpfer.
00:03:33: Ja, wenn es eine offene Höhlung ist, ist es ein Trommel.
00:03:38: Wenn die Restwandstärke dünner wird und die Fäule in der Mitte größer, wird man das eher hören.
00:03:42: Also dass Bäume abgeklopft werden, das war mir tatsächlich völlig neu, macht aber total Sinn, gerade in Parks, auf öffentlichen Wald- und Wanderwegen.
00:03:51: Da sieht man den Bäumen mehr von außen, wie du auch schon vorhin gesagt hast, tatsächlich überhaupt nichts an und die können natürlich auch zur Gefahr werden.
00:03:59: Und deshalb ist es sehr, sehr gut, dass es Leute gibt, die da nach dem Rechten schauen und mal hier und da an Bäumen klopfen, um einschätzen zu können, ob die vielleicht umfallen oder nicht.
00:04:09: Bevor wir gleich in die verschiedenen Praktiken des Klopfens einsteigen und natürlich auch noch mehr hören werden,
00:04:16: was meinen wir eigentlich genau, wenn wir von Klopfen reden, Peter?
00:04:20: Ja, ich versuche mich mal mit einem Überblick.
00:04:22: Klopfen ist eine klangliche Kulturpraxis, die wir selber vermutlich fast täglich ausüben.
00:04:27: Jeder kennt es, wer zum Beispiel an eine Tür klopft, fragt an, möchte eingelassen werden.
00:04:32: Aber das ist nur eine Möglichkeit.
00:04:34: Bei näherer Betrachtung hat das Klopfen eine Fülle von Bedeutungs- und Handlungsebenen.
00:04:38: Eben vom Anklopfen an der Türe, dem Abklopfen von Materialien oder sogar im Brückenbau.
00:04:44: Das Klopfen im Handwerk oder in der Nahrungsmittelproduktion oder das diagnostische Klopfen in der Medizin bis hin zum Klopfapplaus bei akademischen Vorträgen.
00:04:53: Klopfen ist in fast allen Lebensbereichen existent.
00:04:57: Ja, man kann eigentlich sagen, es ist eine universelle Handlung,
00:05:00: die für Menschen eine praktische, kulturelle oder experimentelle Funktion hat.
00:05:05: Wir haben das Thema deshalb heute mal in fünf Bereiche gegliedert und es ist spannend zu sehen, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere klopfen.
00:05:13: Diese verschiedenen Funktionen und Bereiche wollen wir also heute mal mit euch abklopfen.
00:05:18: Ja, und auf die klopfenden Tiere freue ich mich schon besonders.
00:05:22: Aber lass uns mal mit dem Klassiker anfangen.
00:05:24: Klopfen als Begrüßung bzw. vielleicht auch als Aufforderung, wie ganz am Anfang an der Tür.
00:05:29: Ihr erinnert euch, Klopf-Klopf.
00:05:31: Warum machen wir das?
00:05:33: Also, wer hat damit eigentlich angefangen?
00:05:35: Kann man das überhaupt sagen?
00:05:36: Man könnte ja auch anders auf sich aufmerksam machen, mit einer Glocke zum Beispiel.
00:05:40: Darüber haben wir auch schon in unserer ersten Folge des Podcasts gesprochen.
00:05:44: Rufen geht natürlich auch zur Begrüßung.
00:05:47: Warum hat sich denn nun ausgerechnet das Klopfen durchgesetzt?
00:05:50: Das Klopfen an der Türe ist natürlich sehr alt.
00:05:52: Und wenn man mit den Fingerknöcheln klopft, braucht man eben keine weiteren Gerätschaften, wie eine Klingel oder eine Glocke.
00:05:58: Damit es lauter ist, gibt es an vielen alten Häusern vielerorts immer noch an der Türe angebrachte Türklopfe aus Metall.
00:06:07: Teilweise schön ausgeformt, zum Beispiel wie ein Händchen oder ein Löwenkopf.
00:06:11: Solche Türklopfer findet man zum Beispiel in der Altstadt von Barcelona
00:06:14: und im Rahmen von Architekturstudien untersuchten Del Rio Bonin und Frances de Paula Domal die alte Tradition der Türklopfer dort.
00:06:24: Die alten Häuser haben eben keine elektrische Klinge und Türöffner.
00:06:28: Deshalb kann man mit einer Art Klopfcode dem jeweiligen Wohnungsinhaber ein Signal geben,
00:06:33: zum Beispiel dritter Stock, dritte Wohnung rechts.
00:06:39: Also, um ehrlich zu sein, stelle ich mir das auch ziemlich amüsant vor, wenn, ja, keine Ahnung, der Postbote bei mehreren Wohnungen gleichzeitig klopfen will.
00:06:47: Das ist sicherlich ganz schön laut, hat fast schon was Orchestrales.
00:06:50: Ja, das Klopfen an der Tür wird zu einer Kunst und ist eine Kommunikation in beide Richtungen.
00:06:55: Übrigens ist jeder Türklopfer an der Außentüre anders gestaltet und hat eine bestimmte Bedeutung, die man kennen muss.
00:07:00: Die Türen sind dabei aus Holz oder Metall.
00:07:03: Und wenn der Türklopfer im Rahmen dieser Kommunikation betätigt wird,
00:07:06: erklingt und hallt halt jede Tür, jeder Flur und jedes Treppenhaus in jedem der Häuser im gotischen Viertel von Barcelona anders.
00:07:14: Sag mal Peter, da schlägt doch dein Klangforscher- und Komponistenherz bestimmt höher, oder?
00:07:20: Ja, da wird die Altstadt quasi von Barcelona zu einem großen Orchester von Türklopfern.
00:07:24: Die je nach Generation manchmal sehr professionell sind und eine zufällige, wunderbare und manchmal chaotische Musikkomposition spielen.
00:07:32: Die sich von Tag zu Tag ändert.
00:07:40: Also, Klopfen wird hier als sehr gutes und aussagekräftiges Zeichen verwendet.
00:07:45: Aber Klopfen als Zeichen, was meinst du damit?
00:07:47: Ich drücke es mal so aus: In der Semiotik, also der Lehrer der Zeichenbedeutung,
00:07:52: sind Zeichen nicht nur sprachliche oder bildliche Zeichen.
00:07:55: Hier ist das Klopfen also auch ein Zeichen, eben ein Klangzeichen, dessen Bedeutung kulturell definiert ist.
00:08:01: Klopfen an der Türe als Zeichen wird so beschrieben, es weckt imaginäre Erwartungen,
00:08:06: ist Ausdruck einer symbolischen Ordnung und öffnet die Begegnung mit der Realität.
00:08:11: Wenn jemand an der Tür klopft, geht er bereits davon aus, dass sich jemand hinter der Tür befindet.
00:08:17: Ansonsten würde ich ja nicht klopfen.
00:08:19: Aber es ist unklar, was uns auf der anderen Seite der Tür erwartet.
00:08:23: Wie hältst du es eigentlich mit dem Klopfen, Peter?
00:08:25: Also ich persönlich klopfe tatsächlich immer an, wenn ich vor einer verschlossenen Tür stehe.
00:08:29: Auch wenn ich weiß, wer dahinter sein sollte.
00:08:31: Ich finde das einfach ein Gebot der Höflichkeit.
00:08:34: Übrigens, die einzige Person, die quasi erlaubt,
00:08:37: niemals anklopfen darf auch, ist der englische Butler.
00:08:41: Der Butler wird als jemand gesehen, der generell Zugang zum Haus hat und nicht erst um Einlass bitten muss.
00:08:47: Die Vorstellung, dass er nicht klopft, betont seine Integrationsrolle in der Hauswirtschaft und der familiären Struktur
00:08:53: und ist oft ein nahtloser Übergang zwischen Dienstleister und Vertrauensperson.
00:08:57: Apropos Haus betreten, ohne zu klopfen.
00:08:59: Ich habe mal gehört, dass es in den USA eine Verordnung gibt, dass die Polizei nicht immer anklopfen muss.
00:09:05: Naja, das ist der sogenannte "No-knock warrant".
00:09:09: Das ist in den USA ein Durchsuchungsbefehl der Polizeibeamte ermächtigt, bestimmte Räumlichkeiten zu betreten,
00:09:15: ohne vorher anzuklopfen oder ihre Anwesenheit oder ihren Zweck anzukündigen.
00:09:19: "No-knock warrants" sind in den letzten Jahren nicht nur häufiger geworden, sondern auch zunehmend umstritten.
00:09:24: Schaut man sich aber Krimis aus den USA an, sieht man immer wieder, wie eine Mannschaft der Polizei mit so Türrahmen in Häuser stürmt.
00:09:31: Also es ist eigentlich ganz aktuell und politisch hochbrisant.
00:09:34: Weniger brisant, dafür aber sehr rituell, ging es im 19. Jahrhundert in Wien zu.
00:09:40: Ja, ein solches Klopfritual gab es bei der Beisetzung der letzten Kaiserin von Österreich:
00:09:45: Zita von Bourbon-Parma.
00:09:48: Und zwar in der Kapuzinergruft in Wien im Jahr 1989.
00:09:54: Da wurde dreimal an die Kirchentüre geklopft. Und von innen ertönte die Stimme des Domherr.
00:10:00: Wer begehrt Einlass?
00:10:02: Daraufhin verliest ein Zeremonienmeister über eineinhalb Minuten alle Titel der Kaiserin, im Sarg halt, vor der Tür,
00:10:08: und das sind gefühlt 50 Titel und dann wird wieder geklopft.
00:10:12: Zita, die Kaiserin von Österreich, gekrönte Königin von Ungarn.
00:10:20: Königin von Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slavonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien.
00:10:30: Das stelle ich mir ganz schön langatmig vor.
00:10:32: Wir haben das hier im Schnitt mal etwas beschleunigt.
00:10:38: Wer begehrt Einlass?
00:10:40: Zita, ein sterblicher, sündiger Mensch.
00:10:44: So komme sie herein.
00:10:46: Also ein wirklich sehr aufwendiges Ritual.
00:10:49: Ja, was die Menschlichkeit der Monarchen demonstrieren soll.
00:10:53: Ja, man weiß doch gar nicht, wo dieses Ritual herkommt.
00:10:56: Man geht davon aus, dass die Einlasszeremonie in der Kaisergruft
00:11:00: sich vielleicht davon ableitet, dass sich bei Hofbegräbnissen die Begleiter des Leichenzuges bei der Beisetzung von Josef II.
00:11:07: mittels Klopfzeichen verständigten.
00:11:09: Das war so 1790.
00:11:11: Aber das Anklopfen als Ritus ist übrigens auch in Rom vertreten.
00:11:14: So klopft der Papst dreimal gegen die heilige Pforte im Petersdom, wenn sie alle 25 Jahre für das sogenannte heilige Jahr geöffnet wird.
00:11:23: Der Papst geht dann als erstes durch die geöffneten Flügel des dreieinhalb Meter hohen schweren Bronzetors und Millionen Pilger tun es ihm im Laufe des Jahres nach.
00:11:34: Übrigens, gerade jetzt das Jahr 2025 ist ein solches heiliges Jahr.
00:11:38: Das ist echt interessant.
00:11:39: Ich kann mir auch vorstellen, dass du allein zum Klopfen an Türen noch drei Stunden weitererzählen könntest.
00:11:45: Was haben wir denn noch zum Thema Anklopfen?
00:11:48: Na, ich denke, dann gehen wir mal zur Musik, dann haben wir was anderes.
00:11:50: Dort in der Musik wird das Anklopfen nämlich sehr häufig auch musikalisiert.
00:11:54: Ein berühmtes Beispiel ist in Mozarts Oper "Don Giovanni" in der fünften Szene zu finden.
00:12:06: Also man hört ein Klopfen an der Tür, wird gesagt. Der steinerne Komtur, das ist der verstorbene Vater von Don Giovanni, erscheint als Geist nach mehrmaligem Klopfen.
00:12:15: Der Diener Leporello ist komplett verängstigt.
00:12:18: Und die Streicher setzen das triolisch in einem klopfenden Auftakt um.
00:12:21: Manchmal wird dieses Klopfen auch inszeniert durch ein tatsächliches Klopfen auf der Bühne.
00:12:31: Und Don Giovanni wird als Bestrafung seiner Sünden von der Erde verschlungen.
00:12:36: Das klingt bisschen gruselig, muss ich sagen.
00:12:39: Ich würde vorschlagen, so ein Gast sollte lieber nicht an unsere Tür klopfen.
00:12:43: Etwas gruselig, vielleicht nur zu Halloween.
00:12:45: Also zum Türklopfen haben wir jetzt schon viel erfahren und wir sind ja auch schon mittendrin in einem ganz faszinierenden Bereich des Klopfens.
00:12:53: Es geht doch im weitesten Sinne immer
00:12:55: Um das Thema Kommunikation, richtig?
00:12:57: Nah, besonders spannend finde ich Klopfzeichen zur Kommunikation natürlich.
00:13:01: Zum Beispiel, wenn man morst, also Morsezeichen.
00:13:04: Morsen ist ja eigentlich nur eine Art von Klopfen über die Distanz.
00:13:09: Es gibt regelrechte Morsesprachen und sogar Leute, die einen Morsedialekt, also einen Dialekt im Morsen haben.
00:13:15: Ja, es gibt auch geheime Klopfzeichen in der Spionage oder es ist auch bekannt, dass Gefangene oder Soldaten früher durch Klopfzeichen kommuniziert haben,
00:13:23: um Informationen heimlich weiterzugeben.
00:13:25: Ja, berühmt ist genau dieses Klopfen auf Heizungsrohre im Gefängnis mit einer Art selbsterfundenen Morsecode der Gefangenen.
00:13:31: Das klingt jetzt schon ein bisschen komplexer als das Türklopfen in Barcelona, würde ich sagen.
00:13:36: Kann man sagen wohl.
00:13:36: Aber apropos Morsen,
00:13:38: da gibt es noch ein schönes Beispiel mit Musik oder aus der Musik.
00:13:41: Magst du das denn mal hören?
00:13:42: Ja, natürlich, klar, leg los.
00:13:44: Also, ein ganz berühmtes Beispiel ist dieses Klopfgeräusch zu Beginn der 5. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Kennen wir alle.
00:13:54: Das ist das sogenannte Schicksalsmotiv, weil lautmalerisch so das Schicksal an die Pforte pocht. Sagt jeder Konzertführer.
00:14:00: Jetzt wird's aber interessant.
00:14:02: Im Zweiten Weltkrieg sendete die BBC im Radio jeden Abend um 8 Uhr Nachrichten nach Deutschland.
00:14:08: Es begann mit dem Läuten des Big Ben und dann hörte man Beethovens Klopf Motiv der 5.
00:14:13: Also dieses da-da-da-da.
00:14:15: Genau, das war aber nicht etwa als Hommage an die deutsche Kultur gedacht, sondern vielmehr steht das, also kurz, kurz, kurz lang
00:14:22: für das Morsezeichen "V".
00:14:25: Der Buchstabe "V" steht für "Victory", also Sieg.
00:14:29: Das "V" ist das berühmte Victory-Symbol, was wir kennen, wenn man Zeige und Mittelfinger spreizt.
00:14:34: Das hat damals Vincent Churchill zum ersten Mal genutzt, als Kampagne gegen den Krieg und für den Sieg.
00:14:40: Und dann ist es, das kennen wir alle heute, ein weltbekanntes Symbol in Sport und Wettbewerb geworden.
00:14:45: Wir haben sogar ein Beispiel dabei von der BBC aus dem Jahr 1941:
00:15:06: Guten Abend, hier ist der Londoner Rundfunk.
00:15:09: Big Ben hat 8 Uhr geschlagen.
00:15:26: Hier ist England, hier ist England, hier ist England.
00:15:36: Also, bisher haben wir ja über das Klopfen als Mittel zur menschlichen Kommunikation gesprochen, aber du hattest ja am Anfang der Folge erwähnt, dass sogar Tiere klopfen.
00:15:45: Da warte ich jetzt schon drauf.
00:15:46: Was hat es denn damit auf sich?
00:15:48: Erstmal zu den Vögeln.
00:15:50: Amseln trommeln mit ihren Füßen auf den Boden und erzeugen so Vibrationen, die Regenwürmer aus der Erde locken.
00:15:56: Die Regenwürmer spüren dieses Klopfen, weil es sich wie Regen anhört.
00:16:00: Und bei zu viel Regen laufen die Würmer tatsächlich Gefahr zu ertrinken.
00:16:03: Oh, wie clever.
00:16:04: Und dann kommen die Regenwürmer raus, weil sie denken, es regnet.
00:16:07: Dabei ist es nur Geräusch, Klopfgeräusch.
00:16:10: Oder Vibrationen, ne?
00:16:11: Silbermöwen tanzen und watscheln auf dem Boden, um dasselbe zu erreichen.
00:16:15: Andere Räuber wie Austernfischer stampfen oder hüpfen mit beiden Füßen.
00:16:20: Während Kiebitze nur mit einem Fuß auf den Boden trommeln.
00:16:23: Und das habe ich auch vorher noch nicht gewusst, Wildbach-Schildkröten stampfen auch um Regenwürmer herauszulocken.
00:16:31: Total faszinierend, habe ich auch bisher noch nicht gewusst.
00:16:34: Danke dafür, Peter.
00:16:35: Es wird im Tierreich also zur Futterbeschaffung geklopft, kann man sagen.
00:16:39: Aber was ist denn mit dem bekanntesten klopfenden Vogel?
00:16:42: Der Specht, den kennt ja jeder.
00:16:44: Warum klopft der denn?
00:16:45: Ja, tatsächlich hört man den auch fast in jedem Garten oder Park.
00:16:48: Spechte nutzen das trommelnde Klopfen zur Revierabgrenzung und auch zur Balz- und Partnersuche.
00:16:53: Und sie nutzen dabei einen hohlen Ast oder einen Baumstamm oder sogar künstliche Strukturen wie Regenrinnen als Resonanzkörper, also quasi als ihre Instrumente.
00:17:02: Andere Tiere, also Eischhörnchen wiederum, klopfen in erster Linie mit ihren Vorderpfoten, um mit Artgenossen zu kommunizieren.
00:17:09: Dies Klopfen ist auch Ausdruck von Nervosität oder Aufregung oder um Feinde zu vertreiben.
00:17:14: Hasen klopfen als Warnung sowie bei Stress oder Verärgerung.
00:17:18: Und Kaninchen klopfen genauso wie die Hasen mit ihren Hinterläufen, um ihre Artgenossen vor Gefahren zu warnen.
00:17:23: Und wer kennt nicht Klopfer?
00:17:25: Das Kaninchen aus dem Walt Disney-Film Bambi, der immer mit seinem linken Hinterfuß klopft, wenn er begeistert ist.
00:17:33: Zum Beispiel einen Kuss von einer Kaninchendame erhält.
00:17:42: Es gibt aber auch Tiere, die klopfen selbst gar nicht, reagieren aber aufs Klopfen.
00:17:47: Welse zum Beispiel, deshalb gibt es auch den Begriff Welsklopfen.
00:17:50: Was hat es denn damit auf sich, Peter?
00:17:53: Ja gut, das ist ein Trick von Anglern.
00:17:56: Die haben einen speziellen Holzstab, das nennt sich Wallerholz und klopfen damit auf Wasser.
00:18:05: Das macht ein Geräusch unter der Wasseroberfläche und lockt die Welse,
00:18:08: die sich sonst nur am Boden aufhalten, an die Oberfläche, wo sie dann auf den Köder an der Angel hereinfallen.
00:18:17: Also fassen wir mal zusammen.
00:18:19: Tiere klopfen selber teils als Jagdmethode oder werden durch Klopfen getäuscht und werden so selber zur Beute.
00:18:26: Aber kommen wir mal zurück zu uns.
00:18:28: Bei uns Menschen ist das Klopfen in unserer Kommunikation ja sehr tief verankert.
00:18:33: Und zwar so tief, dass es sich sogar auch in unsere Sprache und in Redewendungen verewigt hat.
00:18:38: Das Klopfen taucht ja in vielen Redewendungen auf, wie etwa ans Himmelstor klopfen.
00:18:44: Das steht natürlich für das Ende des Lebens.
00:18:46: Und dabei muss ich sofort an "Knockin' on Heaven's Door" denken von Bob Dylan.
00:18:50: Großer Hit.
00:18:51: Ja, genau.
00:18:51: Also, das ist ein Beispiel nochmals, bei jemand anzuklopfen, bei Petrus am Himmelstor.
00:18:57: Und das bedeutet, etwas zu erbieten oder anzufragen.
00:19:00: Wir kennen das in diesem Sinne zum Beispiel auch beim Telefonieren.
00:19:03: Da wird der Begriff Klopfen verwendet, wenn man in einem laufenden Telefonat
00:19:08: jemand anderes ankommt und man sagt, es klopft an.
00:19:12: Also nicht nur am Himmelstor.
00:19:14: Ganz ähnlich ist es auch beim Eintritt von Gästen am Hofe.
00:19:17: Der livrierte Zeremonienmeister, der Diener, klopft mit seinem Zeremonienstab auf den Boden,
00:19:22: um dann Namen und Titel der Besucher anzusagen, damit alle wissen, wer da reinkommt.
00:19:27: Also ein ganz öffentliches Klopfen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
00:19:31: Und wo wir schon bei Tradition sind, viele benutzen ja auch die Formulierung auf Holzklopfen, also und zwar nicht nur als Redewendung, sondern sogar auch als Ritual.
00:19:41: Also klopfen dann wirklich auf Holz, um Pech abzuwenden oder auch um Glück zu sichern.
00:19:46: Und dieser Brauch stammt übrigens aus alten Traditionen, in denen Holz als magischer Schutz vor bösen Geistern galt.
00:19:53: Ja, ich klopf dann auch mal auf Holz, denn das zeigt auch sehr gut, wie lange schon geklopft wird, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen.
00:20:00: Ja bisher haben wir über das Klopfen als Mittel zur Kommunikation gesprochen, aber es kann ja auch eingesetzt werden,
00:20:06: um das Unsichtbare zu erfahren, so wie beim Baumklopfer am Anfang:
00:20:10: Stichwort Materialprüfung.
00:20:12: Wir kennen das vielleicht auch aus bekannten Fernsehsendungen. Immer wenn antikes Porzellan oder Glas bewertet wird, klopft man dagegen.
00:20:20: Das Meißen, das wertvolle Meißen klingt gut, hat also keinen Sprung, ist okay.
00:20:26: Und man kann so auf Bäume klopfen, wie gehört, man kann auf Melonen klopfen, man kann auf Brücken klopfen, man kann auf Käse klopfen, man kann auf Kartoffel klopfen, um den Stärkegrad zu überprüfen.
00:20:36: Das Wesentliche an diesen ganzen Prozeduren ist, dass man eben etwas erfährt über das Innere in diesem Objekt, in dieser Materie, was ich durch das Sehen allein nicht erfahren kann.
00:20:54: Also, einige Menschen klopfen dementsprechend auch ganz handfest und mit funktionaler Absicht, ganz jenseits von Signalen, Handwerker zum Beispiel.
00:21:04: Man denkt das gar nicht, aber in vielen handwerklichen Tätigkeiten spielt das Klopfen eine wichtige Rolle. Dabei hat es auch ganz unterschiedliche Funktionen.
00:21:10: Also zum Beispiel durch Klopfen wird Material positioniert, fixiert, sogar bearbeitet.
00:21:16: Oder das Klopfen dient der Qualitätskontrolle, bei der Stabilität.
00:21:20: Und anhand des Resonanzschalls kann die Beschaffenheit des Materials überprüft werden.
00:21:25: Zum Beispiel klopft man gegen eine Wand, bei Kacheln oder Fliesen und wenn die Hohlräume haben,
00:21:30: dann kann man das durch das Klopfen feststellen.
00:21:33: Ja, und es gibt sanfte Klopfgeräusche bei Holzarbeiten.
00:21:39: Da liegt die umgangssprachliche Holzhammer-Methode ja eigentlich völlig falsch, oder?
00:21:44: Das bezeichnet ja eher eine grobe, ja unsensible Art und Weise, um etwas zu erreichen.
00:21:49: Aber hier sind ja gerade die Zwischentöne interessant.
00:21:52: Ja, das Thema Qualität und Klang scheint ja wirklich sehr oft zusammenzugehen.
00:21:56: Wir hatten es bei fast allen Handwerksberufen, Material wird eben abgeklopft, und da haben wir so viele Beispiele, dass wir noch eine Stunde lang füllen könnten.
00:22:04: Ja, ich meine allein das Thema Lebensmittel auch, Melonen wurde jetzt auch schon erwähnt.
00:22:08: Wie oft habe ich schon im Sommer Melonen abgeklopft,
00:22:11: um herauszufinden, ob die wohl schon reif ist oder schon zu reif.
00:22:15: Man will ja nicht, dass sie mehlig ist.
00:22:17: Sie soll knackig, saftig, süß sein.
00:22:19: Ich meine mehr einzubilden, dass man das alles durch Klopfen herausfinden kann.
00:22:23: Ja, dazu kommen wir gleich auch noch. Aber erstmal was Grundlegendes.
00:22:26: Beim Klopfen als Materialtest geht es auch immer darum, durch das Hören etwas zu erfahren, was sich nicht durch das Auge erschließt.
00:22:34: Das habe ich zwar jetzt schon öfters gesagt, aber ich möchte nur die Wichtigkeit des Hörens und des Zuhörens hier herausheben.
00:22:40: Ich habe dir noch ein Beispiel vorbereitet.
00:22:42: Ich sehe gerade schon, du hast hier zwei Weingläser vor dir stehen.
00:22:45: Wir können natürlich auch gerne was trinken, aber was hast du vor?
00:22:50: Kennst du noch Jean Pütz?
00:22:51: Ja: "ich habe da mal was vorbereitet."
00:22:54: Ich habe hier mal was vorbereitet.
00:22:55: Also ich habe hier zwei schicke Weingläser vor mir stehen.
00:22:59: Die sehen völlig identisch aus.
00:23:00: Ich kann selbst, wenn ich 10 cm nah dran bin, keinen Unterschied feststellen.
00:23:04: Kann ich bestätigen. Ich sehe auch keinen Unterschied.
00:23:06: Ja, aber jetzt hören wir mal rein.
00:23:10: Also da würde ich jetzt mal sagen: Glas.
00:23:13: Oh ja, und das andere klingt ja überhaupt nicht nach Glas.
00:23:16: Also da erkennt man sofort, was Glas ist und was Plastik.
00:23:19: Ja, aber nur das Hören, durchs Sehen hast es eben nicht rausfinden können.
00:23:22: Also das Klopfen als Prüfmethode ist natürlich auch jenseits von Weingläser erkennen wichtig, zum Beispiel im Maschinenbau, da ist es sehr etabliert.
00:23:33: Techniker klopfen oft auf Maschinen, um ihre Funktion zu prüfen.
00:23:37: Das Abklopfen dient diagnostischen Zwecken.
00:23:40: Es hilft dabei, Mängel oder Schwachstellen frühzeitig zu erkennen, wie zum Beispiel Risse in Metallstrukturen.
00:23:46: Und auch hier braucht es eine sanfte Hand und natürlich ein sehr geübtes und gutes Gehör.
00:23:51: Das war früher haben die gegen die Eisenbahnräder geklopft mit Hämmern, zum Beispiel, als sie standen an Bahnhöfen.
00:23:56: Und Kfz-Mechaniker sagen ja auch, der Motor klopft, wenn etwas nicht stimmt oder unrund läuft und können so den Fehler herausfinden.
00:24:03: Aber da braucht es natürlich einfach viel Hörerfahrung.
00:24:06: Das stimmt.
00:24:07: Aber eben auch bei der Arbeit mit ganz hartem Material ist sanftes Klopfen wichtig.
00:24:11: Wie gesagt, auch für Steinmetze, die klopfen mit speziellen Hämmern und Meißeln, um die Beschaffenheit von Steinen anhand des Klanges zu überprüfen.
00:24:19: Auch hier dient das Klopfen quasi einer diagnostischen Prüfung.
00:24:22: Da haben wir ein Beispiel und zwar von Steinmetz Hubertus Müller aus der Eifel.
00:24:27: Ohne Defekte.
00:24:32: Mit Stich oder im Fachjargon mit Defekt.
00:24:43: Ja, da hört man doch ganz deutlich einen Unterschied und der Riss oder Defekt kann man eben durch das Klopfen schneller erkennen und man braucht so nicht lange,
00:24:50: einen Stein zu bearbeiten und nachher fällt er auseinander.
00:24:53: Ja, und wo wir schon mal bei Steinen sind, Maurer klopfen natürlich auch.
00:24:57: Das habe ich schon als Kind gelernt, weil mein Vater Maurer war.
00:25:00: Da konnte ich schon ganz früh beobachten, wie er mit
00:25:03: einem Klopfen so Ziegel oder auch Steine korrekt gesetzt hat und durch das Klopfen werden aber auch, hast du auch schon erwähnt, Hohlräume bei Verputzarbeiten vermieden.
00:25:13: Ja, da fällt mir was ein, das ist total witzig, von wegen Mauern.
00:25:16: Sogar mein Zahnarzt klopft, auch wenn ich keine Ziegelsteine im Mund habe.
00:25:20: Ich habe kürzlich ein Implantat aus Keramik eingesetzt bekommen und bei einer Kontrolluntersuchung im Anschluss klopft der Zahnarzt
00:25:27: auf den künstlichen Zahn mit so einem Metallspachtel und prüft damit, ob das Implantat gut in den Knochen eingewachsen ist.
00:25:34: Und das, obwohl er vorher natürlich geröntgt hat.
00:25:36: Zähne sind ja relativ klein.
00:25:38: Das Thema Klopfen kann natürlich auch größer werden.
00:25:42: Wir haben in Deutschland ja sehr viele Brücken, nicht nur in Gebissen, sondern auch auf den Straßen.
00:25:46: Und viele davon sind marode.
00:25:49: Die klassische Überprüfung geschieht tatsächlich erstmal mit einem Hammer und mit Klopfen.
00:25:54: Einer, der das professionell macht, ist der Schweizer Ingenieur Erler.
00:25:57: Er klopft zunächst auf einen Betonpfeiler und dann von oben auf die Straße, wo die Brücke beginnt.
00:26:08: Wenn man bedenkt, dass es ja um unsere Sicherheit geht, ist das ja total wichtig.
00:26:14: Viele erinnern sich bestimmt noch an den 11. September 2024.
00:26:18: Da stürzt er ein Teil der Carolabrücke in Dresden ein.
00:26:21: Das war medial sehr weit verbreitet.
00:26:24: Es gab sogar wenige Monate vorher Gutachten, die erhebliche Korrosionen an den Spannstahlstäben feststellten.
00:26:31: Das wurde wohl damals nicht so ernst genommen.
00:26:34: Ja, vielleicht haben sie gedacht, der kleine Hammer reicht nicht, um die große Brücke zu testen.
00:26:38: Aber das ist so, funktioniert.
00:26:40: Und wir wissen ja nun wirklich jetzt, dass der Klang das Nicht-Sichtbare offenbaren kann.
00:26:44: Aber das funktioniert nicht nur bei harten Materialien wie Beton oder Brücken, sondern auch bei Lebensmitteln.
00:26:49: Es wird also wieder ein bisschen harmloser und nicht so lebensbedrohlich, oder?
00:26:54: Absolut.
00:26:55: Der Bäcker, der klopft nämlich auf das Brot, ob es durchgebacken ist.
00:26:58: Und richtig professionell wird das beim Käse.
00:27:01: Es gibt sogar einen Beruf des Käseklopfers.
00:27:04: Beim Parmesan in Italien ist es eine verpflichtende Qualitätskontrolle.
00:27:08: Der "Battitore" ist ein ausgebildeter Experte, der jedes Rad Parmigiano-Regiano prüft, indem er rhythmisch mit einem kleinen Metallhammer von allen Seiten abklopft.
00:27:18: Der Klang verrät dem Experten so innere Mängel.
00:27:21: Nur Käse mit einem klaren, gleichmäßigen Klang erhält das mit Feuer eingebrannte Qualitätssiegel.
00:27:31: Und auch in der Schweiz steigen die Käseklopfer jedes Jahr auf die Almen und testen den Käse.
00:27:36: Der hört sich je nach Hohlräumen, für die ja zum Beispiel der Emmentaler berühmt ist, anders an, also die berühmten Löcher im Schweizer Käse.
00:27:43: Seit Jahrhunderten klopfen also Käsemeister jeden Laib ab.
00:27:47: Ein Handwerk, das verrät, ob die Reifung und die berühmten Löcher perfekt sind.
00:27:52: Tradition, Qualität und Genuss -
00:27:54: das sollte man schmecken und genießen können.
00:27:56: Man muss aber auch sagen, mittlerweile geht's auch anders.
00:28:00: Und zwar hat Michael Murkovic vom Institut für Lebensmittelchemie und Technologie der TU Graz
00:28:06: mit seinem Team bereits 2008 eine Software entwickelt, die mit technischen Mitteln den Käse abhört und den Käseklopfer ersetzen könnte.
00:28:14: Also Technologie ersetzt manche Tradition.
00:28:17: Aber geklopft wird trotzdem.
00:28:19: Und mit demselben Prinzip können beispielsweise auch Äpfel oder Melonen auf ihren Reifegrad hingeprüft werden.
00:28:25: Hier hat ein israelischer Student eine App entwickelt.
00:28:28: Er war es leid, immer von seiner Mutter ausgeschimpft zu werden, weil er Wassermeloden vom Markt mitbrachte, die noch nicht reif und süß waren.
00:28:34: Und seit 2019 gibt es Apps auch zum Download für das Smartphone.
00:28:39: Sie heißen "Watermelon Prober" oder "Melony" oder "Melon Aid" und sie bestimmen mit komplexen Algorithmen der Künstlichen Intelligenz den Reifegrad
00:28:47: einer Wassermelone, indem sie den Klang analysieren, wenn man auf sie klopft.
00:28:51: Total faszinierend.
00:28:53: Ich glaube, die muss ich mir mal installieren, so eine App vor dem nächsten Sommer.
00:28:57: Man kann also schon mal festhalten, Klopfen spielt eigentlich in
00:29:00: allen Handwerksberufen eine wichtige Rolle und ist hier weniger als ein rein akustisches oder kommunikatives Phänomen zu betrachten,
00:29:07: sondern vielmehr als ganz konkrete, handfeste Funktion.
00:29:11: Die auch zum Ausüben des Berufs notwendig ist und letztendlich auch in vielen Bereichen unser aller Sicherheit dient.
00:29:18: Ja, kommen wir nochmal zu einem anderen Bereich.
00:29:20: Natürlich ist nämlich das Handwerk nicht der einzige Berufszweig, in dem Klopfen wichtig und notwendig ist.
00:29:25: In der Medizin und in verschiedenen Therapieformen wird eben auch geklopft.
00:29:29: Ja, als erstes fällt mir da natürlich das wichtigste Klopfen überhaupt ein, ohne das gar nichts ginge im Leben,
00:29:35: das Herzklopfen natürlich, dass unser Herz klopft, das ist lebensnotwendig.
00:29:40: Aber wenn es zu stark klopft, dann spricht man ja auch gerne mal von Palpitation, umgangssprachlich auch Herzklopfen genannt.
00:29:48: Also, wenn man den eigenen Herzschlag besonders heftig, pochend wahrnimmt, dann ist es vielleicht auch nicht so gut.
00:29:54: Aber um schon mal festzuhalten, es klopft definitiv auch in der Medizin.
00:29:58: Ja, aber nicht nur der Körper, sondern auch der Arzt.
00:30:00: Und das ist eine total interessante Sache.
00:30:02: Wenn wir zum Arzt gehen, meinen wir immer, dass nur die vielen technischen Geräte die Auskunft über das Innere im Körper geben würden.
00:30:09: Aber natürlich klopfen auch Ärzte in völlig normalen Standarduntersuchungen.
00:30:13: Sie klopfen auf Brust und Bauch, um Hohlräume oder Flüssigkeitsansammlungen zu erkennen,
00:30:18: zum Beispiel auch in der Lunge.
00:30:20: Man nennt das medizinische Abhören "Auskultation".
00:30:23: Ja, und dadurch erfährt man dann, ob möglicherweise weitere Untersuchungen notwendig sind.
00:30:27: Ja, neben diesem traditionellen Körperabhören
00:30:31: wird Klopfen aber auch ganz bewusst in der Medizin und Therapie eingesetzt.
00:30:35: Zum Beispiel, wenn man aufgeregt oder verängstigt ist, das ist ja oft die Ursache von dem Herzklopfen.
00:30:40: Da gibt es Massage- und Akupressur-Techniken, die das Klopfen nutzen, zum Beispiel um Muskeln zu entspannen und den Energiefluss zu fördern.
00:30:49: Die Klopfmassage hilft, solche Verspannungen zu lockern.
00:30:52: Ja, und es gibt auch ein therapeutisches Klopfen.
00:30:55: Ich habe da von dir schon mal von der sogenannten PEP-Methode gehört.
00:30:58: PEP steht für Prozess- und Embodiment fokussierte Psychologie.
00:31:03: Hier werden Klopftechniken genutzt, um funktionale Denkfühl- und Verhaltensmuster zu aktivieren.
00:31:09: Ja genau, diese PEP-Methode ist entwickelt worden von dem Mediziner Dr. Bohne
00:31:13: und zwar eigentlich, um Musikern beim Lampenfieber zu helfen.
00:31:16: Da klopfen wir auf bestimmte Punkte im Körper, vor einem Auftritt zum Beispiel, und es gibt natürlich keinen Klang, aber das Klopfen hat Wirkung.
00:31:24: Und das wird doch sogar bei euch an der Hochschule für Musik unterrichtet, oder?
00:31:28: Also eben um junge Musiker*innen dabei zu unterstützen, ihre Auftrittsangst in den Griff zu bekommen?
00:31:33: Ja, es hat durchaus viele Einsatzmöglichkeiten.
00:31:37: Ich habe es schon mal erlebt, dass während eines Fluges ein junges Mädchen auf einmal eine Panikattacke wegen Flugangst hatte.
00:31:44: Und zum Glück war ein Therapeut an Bord, der mit PEP diese Angst quasi weggeklopft hat.
00:31:49: Das ist absolut bewiesen und an vielen Stellen therapeutisch im Einsatz.
00:31:53: Also, es wird auf den Körper an unterschiedliche Stellen geklopft.
00:31:56: Dr. Antonia Pfeiffer aus Hannover hat uns das genauer erklärt.
00:32:00: Auf den Handrücken klopfen und Augenbewegungen machen, summen, rückwärts zählen...
00:32:05: Also es werden alle möglichen neuronalen Netzwerke angeregt,
00:32:09: aber parallel wird nicht an diese Aufregung gedacht oder an die Angst gedacht.
00:32:13: Und dadurch passiert oft so ein wirklicher Separator.
00:32:17: Ja, das regt auch viele Bereiche im Gehirn an, die eigentlich beruhigend auf uns wirken.
00:32:21: Antonia Pfeiffer ist übrigens eine der führenden Expertinnen für PEP
00:32:25: und hat 2014 die erste Doktorarbeit an der Medizinischen Hochschule Hannover geschrieben und auch ein Buch darüber veröffentlicht:
00:32:33: "Emotionale Erinnerung – Klopfen als Schlüssel für Lösungen: Neurowissenschaftliche Wirkhypothesen der Klopftechniken" heißt es.
00:32:40: Ja, und hier fängt sie im Beispiel an mit dem Klopfen auf den Handrücken am kleinen Finger.
00:32:47: Und dabei würde man immer wieder sagen: "Denken Sie an diese eine Situation dort, vor der Sie Angst haben, Mittelfinger klopfen, Zeigefinger ..."
00:32:55: Wahrscheinlich würde ich auch loben und sagen: "Super machen Sie das."
00:32:59: Ja, wenn große Angst da ist, oft kommen große Emotionen dabei hoch, kann man auch Blickkontakt aufnehmen, dann Daumen.
00:33:08: Ganz häufig lacht man auch spontan dabei, weil es so komisch aussieht und auch weil sich irgendwie die Emotionen so entlädt sozusagen dann.
00:33:16: Mir ist das Abklopfen im Zusammenhang mit Stressbewältigung und Selbstberuhigung tatsächlich durchaus ein Begriff.
00:33:23: Ich habe schon oft davon gehört, dass Menschen Klopfen als beruhigendes Ritual nutzen.
00:33:27: Also den ganzen Körper abklopfen und so auch Spannung und Stress abbauen.
00:33:31: Ich kenne das übrigens auch als Methode beim Sprechtraining.
00:33:35: Das hat mir Caroline Intrup beigebracht.
00:33:37: Caroline ist Sprecherin, Performerin und Sprechtrainerin für Bühne, Medien und auch für interdisziplinäre Projekte.
00:33:43: Man kann sich abklopfen und zwar so mit so einer Hand locker.
00:33:47: Ich mache das mal, man hört es bestimmt ein bisschen.
00:33:48: Ich mach mit.
00:33:49: Ja, genau.
00:33:49: Wir machen einfach mal so: ahhh ... Jetzt klopfen wir uns gerade die Brust ab.
00:33:54: Und man hört dieses Wackeln in der Stimme.
00:34:00: Und dieses Wackeln wollen wir, und man kann das mit dem ganzen Körper machen bis zu den Füßen
00:34:06: Und am besten eben im Stehen und danach kurz spüren und meistens kribbelt der Körper dann schon ein bisschen.
00:34:11: Ja, Carolines Klopfübung mache ich tatsächlich vor fast jeder längeren Aufnahme. Kann ich nur empfehlen.
00:34:18: Aber ehrlicherweise muss ich sagen, Peter, diesmal habe ich es vergessen.
00:34:21: Ich muss, glaube ich, nochmal nachklopfen.
00:34:23: Ja, ich glaube, ich sollte das auch mal machen.
00:34:26: Jetzt fühle ich mich schon wie ein Gorilla, der auf seine Brust klopft.
00:34:30: Also wir können das das nächste Mal zusammen machen.
00:34:32: Wir klopfen übrigens auch ganz unbewusst, zum Beispiel, wenn wir nervös sind, mit einem Stift auf den Schreibtisch oder so.
00:34:38: Das scheint eine ganz tiefliegende Funktion des Körpers zu sein, eben um Stress und Spannung abzubauen.
00:34:43: Ja, was mir persönlich ja beim Stressabbau hilft und bei vielen anderen ist das bestimmt auch so, ist Musik.
00:34:49: Die kann nicht nur Spannung abbauen, sondern auch aufbauen, wenn man das gerne möchte.
00:34:54: Und deshalb will ich mit dir gerne noch über das Klopfen in der Musik sprechen.
00:34:58: Denn in der Musik wird das Klopfen ja auch als Basis des Rhythmus eingesetzt durch Trommeln zum Beispiel.
00:35:04: Naja klar, Musik ist immer mit Bewegung verbunden.
00:35:07: Wir können klopfen, klatschen, tanzen und das synchron zum Takt der Musik.
00:35:12: Das hat uns Menschen übrigens die Evolution mitgegeben.
00:35:15: Man kann also davon sprechen, dass unser Taktgefühl auch genetisch geprägt ist.
00:35:20: In diesem Bereich fällt zum Beispiel auch die "Body Percussion".
00:35:23: Dabei klopfen Musiker auf ihren eigenen Körper oder klopfen den Takt, um Rhythmus und Bewegung miteinander zu verbinden.
00:35:30: Man kann also sagen, das Klopfen ist so eine ganz intuitive Art Rhythmus und Emotionen auszudrücken.
00:35:37: Man kennt das auch im Alltag, wenn man Musik hört oder auf einem Konzert ist, kann man sich fast gar nicht dagegen wehren.
00:35:43: Man wirbt auch tatsächlich immer mit.
00:35:45: Ja klar, und in der zeitgenössischen Musik, also der modernen, nutzt man Klopfen, um neue Klangmöglichkeiten auszutesten
00:35:51: und Instrumenten ungewohnte Klangfarben zu entlocken. So klopft man zum Beispiel mit dem Holz des Bogens auf die Saiten, das heißt "col legno battuto", also klopfen mit Holz.
00:36:00: Das machen die Orchestermusiker allerdings nicht so gerne, und manche Instrumentalisten verweigern komplett die Ausführung dieser Strichart.
00:36:07: Oder legen sich für diesen Zweck einen Zweitbogen zu, da eben auch bei dieser Technik, also dem Schlagen, das Holz der Bogenstange zu Schaden kommen könnte.
00:36:16: Kann ich tatsächlich auch schon nachvollziehen, dass da manche Musiker und Musikerinnen eher nicht so gerne auf ihre teuren Instrumente klopfen wollen.
00:36:25: Aber seit wann wird das denn gemacht?
00:36:27: Es gibt ganz bekannte Werke, das zum Beispiel Hector Berlioz,
00:36:30: beim "Hexensabbat" seiner "Symphonie Fantastique", da erhält man dramatische Passagen eben mit "col legno battuto", das war im Jahr 1830.
00:36:39: Und es gibt ein Beispiel von Tobias Hume,
00:36:42: da steht, die Gambe spielt "col legno" mit der Anweisung, trommeln Sie dies mit der Rückseite Ihres Bogens.
00:36:48: Und das war immerhin im Jahr 1605.
00:36:51: Wow, das ist schon eine Weile her.
00:36:53: Und im 20. Jahrhundert gibt es natürlich mehrere Beispiele:
00:36:56: Der Britte Gustav Holst hat in seinem Werk "Die Planeten", super bekannt,
00:37:00: im Satz "Mars the Bringer of the War" eben diese "col legno"-Technik eingesetzt, um Spannungen in der Orchestertextur zu erzeugen.
00:37:15: Man findet es natürlich bei Dmitri Schostakowitsch und bei Gustav Mahler auch.
00:37:19: Genau, wir haben jetzt hier auch kurz schon einige Beispiele gehört.
00:37:22: Links, wo man weiterhören kann, stellen wir in die Shownotes.
00:37:25: Ja, aber man klopft eben nicht nur mit dem Bogenholz.
00:37:28: Ich kann mein persönliches Beispiel bringen, ich habe vor vielen Jahren ein Streichquartett geschrieben,
00:37:32: wo relativ am Anfang das Geräuschhafte der Instrumente im Vordergrund steht.
00:37:37: Dazu sollten die Musiker auf verschiedene Arten auf ihr Instrument klopfen, also auf Geige, Cello und so weiter.
00:37:45: Das Quartett setzte sich aus Streichern der Berliner Philharmoniker zusammen.
00:37:49: Die waren erstmal auch nicht so begeistert davon.
00:37:52: Denn die Oberfläche der wertvollen Geigen soll eigentlich nicht mit der Haut in Kontakt kommen.
00:37:57: Man sieht das immer, wenn die Lappen in der Hand haben.
00:37:59: Weil der Handschweiß den Lack angreifen könnte.
00:38:03: Aber die haben das dann super professionell gemacht und wir können mal, wenn du Lust hast, hier einen kleinen Ausschnitt hören.
00:38:09: Ja, auf jeden Fall.
00:38:21: Ja, danke fürs Reinhören, das war mein Stück "Caminando",
00:38:25: eben zu Beginn das Klopfen und es spielte das Alban-Gerhan-Quartett.
00:38:28: Und damit würde ich fast sagen, kommen wir zum Ende, oder?
00:38:31: Und klopfen uns auch nochmal ab.
00:38:34: Weil unser Körper ist ja auch ein Instrument.
00:38:36: Ja, aber nicht zu fest, sonst kommen wir auch zu Schaden.
00:38:38: Also auf jeden Fall gilt unser Dank auch an Jim Igor Kallenberg, Joshua Weizl,
00:38:43: Julia H. Schröder und Carolin Lauer für die redaktionelle Unterstützung.
00:38:46: Ja, und euch, liebe Hörerinnen und Hörer, natürlich auch vielen, vielen Dank fürs Zuhören.
00:38:51: Und ganz zum Schluss, wie immer der Hinweis, folgt doch "Die Welt der Klänge" bei Spotify und Apple Podcasts, so verpasst ihr keine Folge und empfehlt den Podcast auch sehr gerne weiter.
00:39:01: Wir hören uns in der nächsten Folge.
00:39:03: Macht's gut.
00:39:04: Tschüss.
00:39:04: Tschüss an alle und behaltet offene Ohren.
00:39:23: Dies ist ein Podcast von ARS, Art Research Sound.
00:39:26: einem künstlerisch-wissenschaftlichen Forschungsprojekt der Hochschule für Musik Mainz an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz,
00:39:33: in Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz.
Neuer Kommentar